Ideen-Maschine Internet: Texte, Memes & Geschichten (er)finden im kollektiven Geist

Mir fällt immer wieder auf, wie schwierig es ist, irgend etwas Neues oder Interessantes in’s Internet zu schreiben, was vorher noch niemand da hinein geschrieben hat.

Wenn mir zu irgendeinem Thema etwas einfällt (oder auffällt), dann google ich oft einfach mal vorsorglich entsprechende Stichworte, ob schon jemand vor mir diese (oder eine ähnliche) Idee eingebracht hat. (Ich finde das fantastisch! Meistens bin ich sogar froh, wenn ich etwas finde, was meiner eigenen Idee entspricht. Das spart mir nämlich den Aufwand etwas entsprechendes selber zu basteln.) 
Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell das Internet reagiert und naheliegende Ideen verarbeitet. Wenn irgendein Thema aufkommt, das Resonanz erzeugt, dann werden in Kürze alle denkbaren Ideen und Pop-Kultur-Assoziationen dazu in blühender Variation als Text, Bild und Video erstellt und in’s Internet geladen.

Nur um ein triviales Beispiel zu nennen:
In der Serie “Game of Thrones” gab es einen kleinen Hype um die Figur “Hodor“.
Der sympathische Kristian Nairn, der Wylis/ Hodor in der Staffel 1-6 spielt, hatte relativ wenig Text auswendig zu lernen.
Das gesamte Vokabular der Rolle “Hodor” beläuft sich (seit Wylis’ früher Jugend) auf das Wort: “Hodor”. Und das ist dann auch sein Rufname geworden.

Die Assoziation ist nicht allzu naheliegend, aber der Wortschatz der absurden Mischwesen der Videospielserie Pokémon beläuft sich eben auch nur auf ein einziges Wort, das auch als Gattungsname/ Name und Bezeichner der Pokémon verwendet wird.

Als mir das (irgendwann Anfang 2016 erst) aufgefallen ist, habe ich probehalber die Stichworte: “Hodor” & “Pokémon” gegooglet:

 

Es hat mich nicht großartig gewundert, dass es auch zu dieser auffälligen Parallele diverse Memes und Illustrationen von Fans gibt.

http://www.mypokecard.com/en/Gallery/Pokemon-Hodor-8

etc…
Sogar Videos:

So’was wie das hier hätte ich vielleicht erstellt:

… wenn es das das nicht schon gegeben hätte… — Das fand ich am witzigsten.

Moment! 🙂
Das wirkt jetzt vielleicht albern oder banal. (Ist es vielleicht auch.)
Aber diese Betrachtung wirft ein Licht auf ein Phänomen, das ich im Bezug auf medientheoretische und sozialphilosophische Überlegungen interessant finde:

Wir denken und arbeiten (so gesehen) längst im Kollektiv
Und das sogar weitgehend frei von wirtschaftlichen Interessen. 

EnthusiasmusSpieltrieb und das Bedürfnis nach Resonanz und Aufmerksamkeit genügt offenbar, um diese gewaltige Menge an Produktivkraft aufzubringen, die für die Erzeugung all dieser (und ähnlicher) Texte, Memes, Bilder, Filme & Videos vorauszusetzen ist.

Computer-vernetzte Menschen suchen offenbar ständig vor (und neben) ihren Bildschirmen nach interessanten Mustern, Parallelen, Auffälligkeiten, Widersprüchen und resonanzfähigen Ideen, die man für Andere zugänglich und vermittelbar machen kann.

Neben abertausenden kommerziellen Informationen und Medienangeboten, werden rein aus dem Wunsch heraus Resonanz zu erzeugen, wahrgenommen zu werden und einen (irgendwie relevanten) Beitrag zu leisten, täglich abertausende von Dateien, Dokumenten, Texten, Illustrationen, Fotos und Filmchen erstellt und in’s Netz geladen…
Im wesentlichen geschieht dieser Produktionsaufwand eben nur, um Ideen zu vermitteln, die man für interessant, relevant oder resonanzfähig hält.

Erstaunlich wirkt diese Beobachtung kooperativer, kreativer Produktionsprozesse im Netz, wenn man sich auf das Gedankenexperiment einlässt, man hätte es mit einer Denk-Maschine zu tun, die automatisch Ideen und Resonanzmuster verarbeitet.
Wenn man davon ausgeht, dass die Menschen hinter ihren Bildschirmen und vor ihren Eingabegeräten quasi nur angeschlossene Komponenten einer Ideen-Maschinerie sind, dann erschließt sich in dieser Betrachtung ganz leicht die Perspektive, dass “Geist” (“Bewusstsein”/ “Denken” oder englisch: “mind”) etwas ist, was sich (womöglich) in beliebig einzugrenzenden oder zu erweiternden Kontexten zuträgt (oder abspielt).
SIEHE: https://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterter_Geist 

(Ich habe neulich erst eine ältere TV-Sendung des BR kommentiert, in der ähnliche Betrachtungsweisen von “Geist”, “Wirklichkeit” und “Bewusstsein” thematisiert werden: BR ALPHA, Denken  https://plus.google.com/u/0/115680572119865888041/posts/3CAUvXCdwHb )

Die Feststellung, dass alle denkbaren Ideen und Einfälle über das Medium der Computervernetzung (im “kollektiven Geist”) quasi automatisch verarbeitet werden, kann ein gewisses Gefühl der Überwältigung oder Belanglosigkeit mit sich bringen.
Wahrscheinlich ist es dieses Gefühl der Überwältigung, das mich bisher auch davon abgehalten hat, (richtig/ ernsthaft) einen eigenen Blog zu schreiben.
Ich bin eben (dementsprechend) auch nichts weiter als eine Komponente in dieser gewaltigen, kollektiv angetriebenen Kreativ-/ Produktiv-Maschine, und vielleicht sind die Ideen & Gedanken, die ich in das Meer der Diskurse und Informationen einfließen lassen könnte, zu trivial und irrelevant, für die exponierte Publikation in einem eigenen Weblog.
Dass es mit meinen Blog-Anläufen bisher nicht geklappt hat, liegt allerdings auch an meiner (pathologisch auffälligen) Zerstreutheit… Dass mir nichts einfällt, was ich für sinnvoll und relevant genug halte, um es in’s Internet zu schreiben stimmt ja nicht. Ich schreibe jeden Tag eine ganze Menge Text in’s Netz. Aber eben eher dezentral/ zerstreut auf verschiedenen Social-Networking- und Social-Media-Plattformen.
(Vielleicht ist die Pathologisierung des Phänomens der Zerstreutheit [ADhS] auch ein interessantes Zeichen unserer Zeit. Darüber denke ich noch nach…)
Der zugrundeliegende Anreiz für den erneuten Anlauf einen Blog zu schreiben basiert letztlich auf dem Wunsch, einen (virtuellen) Ort zu finden (oder zu schaffen), an dem ich mich und meine Gedanken womöglich besser sammeln und fokussieren kann.

Dieser erste (richtige) Blogeintrag (seit Jahren) ist nun entstanden als ich heute über die Frage nachdachte, welche Geschichten uns eigentlich (noch) fehlen. 
(Siehe: Twitter https://twitter.com/llenthalben/status/760488375790997504 )

Fehlen uns Geschichten, über ein hinter diesem “Abgrund”?/ Welten, wo die Frage nach nicht mehr gestellt wird:?.

Ich bin bisher zu der Einsicht gekommen, dass die meisten Geschichten, die uns vielleicht fehlen, um ein kritisches und kreatives Nachdenken über unsere Welt und Wirklichkeit zu ermöglichen, zu provozieren oder zu vereinfachen nicht unbedingt neu erfunden werden müssen.

Bereits vor der Informationsvernetzung im Internet hat die Ideen-Maschinerie der Gesellschaft auf Hochtouren gearbeitet. In Lautsprache, Schrift & Buchdruck/ Broadcast/ Film wurden Ideen, die den Menschen betreffen, im Überfluss zu Geschichten verarbeitet.

Die Geschichten & Ideen, die unser Denken, Begreifen und Handeln fördern und beflügeln können, liegen also oft schon vor. Und im Rahmen der digitalen Vernetzung von Information, Daten, Dokumenten und Medieninhalten im Netz, sollte es uns auch zunehmend leichter fallen, Geschichten für (nahezu) jeden erdenklichen Kontext zu finden, zu sammeln und zu diskutieren, zu ergänzen oder weiterzuerzählen.
Das ist dieser “Remix-Kulturprozess”, den ich immer augenscheinlicher erlebe…
Es wird zitiert, modifiziert, kombiniert…
Durch den massiv vereinfachten Rückgriff auf einen gemeinsamen kulturellen Fundus können Probleme und Ideen in ihrem Potenzial und ihren Grenzen ansprechend illustriert vermittelt und lebhaft diskutiert werden.

In gewisser Hinsicht erleben wir in der Netzkommunikation die Auflösung (oder Überschreitung) der “Grenzen von Fantásien”, wenn wir uns selbst als Figuren in einem lebendig gewordenen Buch verstehen, die gemeinsam im Rückgriff auf Mythen, Fabeln, Märchen und Geschichten des Alltags eine lebendige Geschichte des Lebens miteinander schreiben.

Vielleicht brauchen wir also letztlich nur ein wenig (mehr) Mut und Zuversicht, um (althergebrachte) Vorstellungen, Ideen und Konventionen zu transzendieren, die den Spielraum unserer Handlungsmöglichkeiten behindern, und unser Denken einengen.

Das Große Rätsel Torhttps://youtu.be/I_vzG5nYk1I

In der Nähe des Orakels angekommen, werden Atréju und Fuchur von dem Gnomenpärchen Urgl und Engywuck geheilt.[34] Engywuck, der das Orakel seit langem studiert, selbst aber noch nie dort gewesen ist, verrät Atréju einiges über dessen Natur. Um die Uyulála zu erreichen, muss Atréju drei Tore durchschreiten:

  • Das erste von ihnen ist das Große Rätsel Tor. Es besteht aus zwei Sphinxen, die einander anschauen. Um es zu durchqueren, sind keineswegs Rätsel zu lösen; vielmehr erlauben die Sphinxe scheinbar zufällig einigen Passanten die Weiterreise, während sie sie anderen verwehren. Die Sphinxe müssen dazu die Augen schließen, denn diejenigen, die nicht für würdig befunden werden, werden von ihrem starren Blick verhext und erstarren auf der Stelle. Nur eine andere Sphinx kann den Blick einer Sphinx ertragen. Dieser sendet nämlich alle Rätsel der Welt aus, und wer von ihm getroffen wird, kann sich erst dann wieder rühren, wenn er alle Rätsel der Welt gelöst hat. Dieses Motiv entstammt der griechischen Mythologie (etwa der Ödipus-Erzählung), in der die Sphinx dem Menschen Rätsel aufgibt und jene bestraft, die die Lösung nicht erraten.

  • Die zweite Pforte ist das Zauber Spiegel Tor. Es handelt sich um einen großen, runden Spiegel, der dem Reisenden sein wahres Ich offenbart. Oftmals reagieren jene, die die Wahrheit nicht ertragen können, entsetzt und rennen fort oder werden wahnsinnig.

  • Zuletzt ist das Ohne Schlüssel Tor zu durchqueren. Diese schlüssellose Tür ist aus einem Material namens Phantásisches Selén gefertigt, das unzerstörbar ist und nur auf den eigenen Willen reagiert. Nur jene, die völlig vergessen, warum sie gekommen sind, und die nicht einzutreten wünschen, können durch das Tor zur Uyulála vordringen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Figuren_und_magische_Gegenstände_in_der_Unendlichen_Geschichte#Das_s.C3.BCdliche_Orakel

Wir leben im Grunde bereits in einer Welt, in der sich (quasi) utopische Möglichkeiten bereits greifbar manifestiert haben. Und wir erleben tagtäglich die überraschenden Resultate der unbändigen Produktivkräfte, die im Rahmen der (quasi instantanen) Vernetzung von Information und Bewusstseinssystemen kanalisiert werden können.

Immer offensichtlicher erscheint mir die Einsicht, dass Menschen mithilfe dieses Mediums der “Sozialen Vernetzung” auch jenseits manipulativer Muster und jenseits restriktiver, autoritärer Strukturen zusammen leben und arbeiten könnten.
Und ich kann mir vorstellen, dass unsere Kommunikation, unsere Koexistenz und Kooperation von regelmäßig wiederkehrenden Fallen, Schwierigkeiten, Konflikten und Reibungsverlusten befreit werden kann, wenn wir uns darauf einlassen in souveräner, solidarischer “Sozialer Vernetzung” althergebrachte Kulturmuster der Vernetzung über Marktrituale, autoritäre Institutionen und nationalstaatlich gegliederte Organisationsstrukturen unerheblich zu machen.

Die Geschichten, die uns zur Verwirklichung einer wünschenswerten gesellschaftlichen Realität vielleicht noch fehlen, schreiben wir dann (jeweils selbst) im Alltag unserer Kommunikation über Probleme, die uns betreffen und Ideen, die uns inspirieren.

 

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