Nörgelei und Beschwerden an Gott – Satanismus & Antitheismus als Religionskritik

Der Theologe Manuel Raabe hat eine Doktorarbeit über das Gottesbild von Rock-Bands geschrieben.

Über den Artikel/ die Sendung auf Deutschlandfunk bin ich neulich zufällig gestolpert:
http://www.deutschlandfunk.de/studie-der-satanismus-und-die-rockmusik.886.de.html?dram:article_id=361104

Dr. Raabe trifft in seiner Arbeit die Schlussfolgerung, dass man verschiedene populäre künstlerische Ausdrucksformen satanistischer Provokation als kritisches Nachdenken über die “Theodizee-Frage” erklären könnte. Das ist (für mich zumindest) eigentlich eine recht naheliegende oder triviale Einsicht. Diese Feststellung ist nicht so ungeheuer neu oder aufsehenerregend.

Wichtig zu erwähnen finde ich es, dass die Vorstellungen von Gott, die da poetisch/ musikalisch in Frage gestellt und kritisiert werden, doch eher oberflächlich und naiv wirken. Raabe bedauert in dem Deutschlandfunk-Interview, dass es auch theologisch weitaus interessantere, tiefer greifende Fragen und Gedanken gibt, die zumindest in der Rock-Musik kaum berührt werden. (Nicht, dass ich wüsste… In der Regel werden in Rock-Songs eher oberflächliche Beschwerden an ein naives Gottesbild kolportiert.)

Treffend finde ich die Beobachtung:
“Die Referenzsysteme drehen sich um.”
Der “Teufel” wird zum Rebellen gegen einen bösen/ faulen, nichtsnutzigen/ sadistischen/ oder nicht-existenten “Gott”.

“God was never on your side”
“God hates us all” 

“Gott” ist (demzufolge) böse und hasst die Menschen.
Der “Teufel” ist in Wahrheit der tugendhafte Retter/ Erlöser/ Befreier, der für die Freiheit und das Gute im Menschen kämpft & einsteht. Das kann man glauben, wenn man will. Aber das ist eben nur eine umgestülpte, verdrehte Geschichte, die wenig Rücksicht auf ursprünglich überlieferte Referenzen nimmt.
Eigentlich gibt es vielleicht sogar wenig einzuwenden, so eine umgestülpte poetische Metapher aufzubauen… Womöglich hat das so auch irgendwo seinen Sinn…

Psychologisch vermute ich hinter dem Phänomen “Satanismus” (im Grunde auch hinter vielen Formen des modernen Atheismus) im wesentlichen eine bittere Enttäuschung über Menschen (vor allem eben Vaterfiguren), die nicht da gewesen sind, als man sie gebraucht hätte… oder die sich absolut falsch (böse) verhalten haben. (Missbrauch, Gewalt, Zwang, Rücksichtslosigkeit, Vernachlässigung…)
Die psychologische Komponente hinter religiösen Weltbildern ist vielleicht sogar das, was in jedem Fall interessant ist. Nur im Kontext der seelischen Entwicklung des Menschen macht es wirklich Sinn, deren religiöse Ideen und Vorstellungen verstehen zu wollen.

Auf mich wirkt das allerdings doch ziemlich albern, Symbolsysteme pauschal auf den Kopf zu stellen, nur weil man sie (so, wie man sie vorgestellt bekommen oder aufgefasst hat) in keinen sinnvollen Bedeutungskontext zu setzen vermag.
Wenn ich also die Frage stellen möchte, ob “Gott” seinen Thron im “Himmel” verdient hat, dann stelle ich die selbe Frage doch mindestens genauso kritisch an den “Teufel”. Meinem Verständnis nach ist der “Satan” eben auch nicht zuletzt ein Symbol für seelische Korruption und (vor allem auch für) Machtkorruption.
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Besonders in Lukas, Kapitel 4 wird die Rolle des Teufels deutlich gemacht:

5 Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde.
6 Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.
7 Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.

https://de.wikipedia.org/wiki/Versuchung_Jesu

(Den ursprünglichen, biblischen Erzählungen und Texten zufolge unterliegen die Machtstrukturen dieser Welt dem “Teufel”. Wer sich also über den Zustand unserer Welt empören möchte, der sollte sich besser bewusst machen, dass der “Satan” die verkrusteten und korrupten Strukturen dieser Welt repräsentiert. Dass sich Rock-Rebellen dem Satan anbiedern, wäre demnach auch irgendwie seltsam absurd. Gerade weil ich Vorbehalte gegen den Status Quo hege, fehlt mir die Sympathie für den Teufel. Eine Rebellion gegen den Status-Quo wäre konsequenterweise eine Rebellion gegen das “teuflische Prinzip” der Korruption und Prostitution, dem die aktuelle Weltordnung unterworfen ist. Das ist auch im Hinblick auf die Theodizee-Frage relevant. Beschwerden über das, was in der Welt schief läuft, wären somit an den “Fürst dieser Welt” zu richten.)

Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Devil_(Tarot_card)

Wenn der “Satan” auch in seiner Rolle als machtvoller “Versucher” zur Läuterung korrupter Seelen beiträgt, dann verstehe ich trotzdem nicht, warum ich den “Teufel” zur (besseren?) Gottheit erheben sollte.

“Gott” ist für mich zuallererst eine Projektionsfläche für alles, was ich in aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für mich als tiefste, grundlegende Wahrheiten und Einsichten verstehe.
(Das ist nichts, was ich festlegen oder auflisten könnte… Es geht dabei um Ideen und Fragen, die ich selbst für mich zu ergründen habe und um Einsichten, denen ich mich immer wieder neu zu stellen habe… Der “Weg zu Gott” ist in diesem Sinne ein dynamischer, psychologischer Prozess der ständigen Selbstprüfung und Infragestellung von Ideen & Annahmen über Gott und die Welt…)

Der Teufel steht für mich dementsprechend als symbolische Referenz für all das, was mich unter Umständen daran hindert, mich meinen eigenen tiefsten ethischen Einsichten entsprechend zu verhalten. Der Teufel symbolisiert (für mich) also irritierende Aspekte meiner erlebten Wirklichkeit, die mich davon abbringen oder abhalten, jeweils das zu tun, was ich wirklich (gemäß bestem Wissen & Gewissen) tun möchte. In diesem Sinne ist der Teufel ein Symbol für alles, was meinen freien Willen beeinträchtigt.

Es ist aber nicht ganz so einfach…
Der “Satan” repräsentiert symbolisch eben auch einen der höchsten “Engel” (Vermittler) Gottes: Der “Licht-Träger”, “Luzifer”.
In verschiedenen kabbalistischen/ gnostischen/ esoterischen Symbol-, Glaubens- oder Auslegungssystemen wird der “Satan” mit einer schöpferischen Kraft und Energie in Verbindung gebracht. Wenn diese “luziferische” Energie sublimiert werden kann, dann wird dadurch kreatives Potential freigesetzt. Wenn nicht kann der Missbrauch dieser Energie zum “Fall” der Seele führen.

Hier ist eine Geschichte von Michael Ende, die mich zum Denken angeregt hat:

Michael Ende: Spiegel im Spiegel — Der Bordellpalast auf dem Berge

22:21 “… Ich träumte, dass Gott und der Teufel miteinander um mich kämpften… Es war ein sehenswertes Schauspiel. Sie kämpften die ganze Nacht und ich sah von meiner Loge aus zu…”

Soweit ich den tieferen Sinn dieser Erzählung richtig verstehe, kann nur “Gott” den Kampf gewinnen, weil der, der den Kampf gewinnt (in jedem Fall) Gott ist. (Und der Kampf um den Thron Gottes geht in diesem Sinne solange weiter, bis es nichts mehr an Gott auszusetzen gibt. Der Kampf ist sozusagen ein Sinnbild für theologische Zweifel und die Bereinigung inkonsistenter Vorstellungen über Gott.)
Wenn man die ursprünglichen Referenzsysteme auf den Kopf stellen möchte, dann dient eben der “Teufel” (zunächst) als Projektionsfläche für Ideale, Einsichten und Wahrheiten.
Vielleicht ändert das (unterm Strich) nicht viel… (?) Egal, welches Symbolsystem man aufbauen möchte, um Gott und die Welt verstehen, beschreiben und erklären zu können… Es ist sicherlich in jedem Fall wichtig, Inkonsistenzen und Widersprüche zu vermeiden und aufzulösen.

Diese (religiösen oder anti-religiösen) Referenzsysteme sind vielleicht überhaupt nur wie ein “Gerüst” zu verstehen, an dem man allmählich (im Laufe der charakterlichen/ seelischen/ spirituellen Entwicklung) hoch klettern kann…
Vielleicht ist es letztlich egal, ob man links oder rechts am “Gerüst” hochklettert…
Wichtig ist es aber wohl in jedem Fall, dass man oben und unten nicht verwechselt.
Und wenn man sich aus Trotz (oder aus Unbeholfenheit) in den Dreck fallen lässt, muss man eben ganz unten wieder mit dem Klettern anfangen…

Vielleicht ist das mit mythologischen. religiösen Referenzsystemen letztlich genauso,  wie mit der “Leiter”, von der Wittgenstein (in seinem “Tractatus”) gesprochen hat:

“6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.”

https://de.wikipedia.org/wiki/Wittgensteins_Leiter

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