Marktbeziehungen & Freiheit?

Ich verfolge und beobachte ab und zu, anarcho-kapitalistische, markt-libertäre Blogs, Videologs, facebook-Pages und Podcasts.
Ein paar Leute, die regelmäßig zu diesem Thema schreiben, kommentieren und “senden”, kenne ich sogar persönlich.

Erst heute habe ich im Netz ein Video entdeckt, das ein Freund und Bekannter aus früheren Zeiten neulich hochgeladen hat.
Manuel (Freiwillig Frei) bietet offenbar im Rahmen einer Seminarreihe, beamteten Staatsdienern den “Ausstieg aus dem Staatssystem” an.
“Libertarier”, die sich der “Österreichischen Schule” zugetan fühlen, kritisieren insbesondere staatliche Institutionen und steuerfinanzierte Leistungen.
Der Beitrag impliziert so gesehen, dass es prinzipiell unmoralisch ist, im Staatsdienst zu arbeiten und ein steuerfinanziertes Gehalt zu beziehen.
Anarcho-Kapitalisten wünschen sich einen “freien Markt” ohne Staatswesen.

Dagegen, dass man Leute freiwillig beruflich berät, ist nichts einzuwenden. Das ist eigentlich auch eine gute Sache, wenn man Leuten hilft, das zu tun, was ihnen am besten liegt und was sie gerne tun wollen.

Die Überwindung von ökonomisch legitimierten Machtstrukturen erachte ich allerdings als mindestens genauso wichtig, wie die propagierte Überwindung politischer Institutionen und Hierarchien.

Demnach wäre es vielleicht wichtiger (oder sinnvoller) zu überlegen, wie man sich aus dem allgegenwärtigen strukturellen Zwang zur Vermarktung lösen kann.

Das, was menschliche Produktivkräfte fundamental in manipulativen Verhältnissen bindet, ist schließlich die Tatsache, dass wir strukturell gezwungen sind Ansprüche auf Unterstützung und Teilhabe durch die Vermittlung von Wirtschaftsmacht voreinander zu rechtfertigen.

Wir sind im Prinzip nicht wirklich “frei” zu entscheiden, wem wir helfen wollen.

Wir können in der Regel nur Leuten helfen, die uns eine Bezahlung in Aussicht stellen können. Und das ist leider eine sehr kleine Untersumme der Menschen, die in der Welt tatsächlich Hilfe brauchen.
Deshalb sieht die Welt so aus, wie sie aussieht…

Weil die Arbeit von Menschen an Rituale der ökonomischen Rechtfertigung gebunden ist, kann man viele wirklich drastische Probleme in der Welt eben nur lösen, wenn sich jemand erbarmt zu spenden oder wenn man Institutionen etabliert, die sich im gesellschaftlichen Interesse darum kümmern.
Aber diese Institutionen können Arbeitskraft eben auch nur binden, wenn sie Leute bezahlen können. Deswegen werden also Steuern gesammelt: Weil es soziale und ökologische Probleme gibt, die uns zwar letztlich alle betreffen, aber kaum jemand bereit ist, deren Lösung (privat und jenseits von Profitinteressen) zu finanzieren.

Den Staat gibt es, weil es Probleme gibt, die im Paradigma der Vermarktung — ohne obligatorische Abgaben — nur schwierig lösbar sind.

Wenn wir uns allerdings wirklich solidarisch und transparent vernetzen würden, bräuchten wir keinen Staat, der Zwangsabgaben fordert.
Wenn wir uns offen und solidarisch arrangieren würden, dann könnten wir aber auch auf Rituale der ökonomischen Abgrenzung und Abrechnung verzichten.

Das ist der zentrale Punkt meiner Überlegungen:
Ich denke, dass unsere gesellschaftliche und individuelle Freiheit fundamental durch unseren Glauben an das Paradigma der Vermarktung beeinträchtigt wird.
Das Staatssystem sehe ich als Konsequenz rivalisierender Marktbeziehungen.
Rivalisierende Marktbeziehungen sind auf einen Mangel an Solidarität in sozialen Beziehungen zurückzuführen.
Den bedauerlichen Mangel an Solidarität, der weitgehend allen unseren wesentlichen sozialen Problemen zugrunde liegt, sehe ich im wesentlichen als Folge intransparenter sozialer Verhältnisse.
(Und viele Geschäftsmodelle im Rahmen rivalisierender Marktbeziehungen basieren auf Informationsasymmetrien und intransparenten gesellschaftlichen Verhältnissen.)

Was ich mir wirklich wünschen würde, wären soziale Horizonte, in denen sich Menschen die Freiheit schaffen, unabhängig von Ritualen der ökonomischen Rechtfertigung zu leben, zu arbeiten und miteinander Probleme zu lösen.
Ich würde mir die Freiheit wünschen, auf das Ritual der Preisverhandlung und Bezahlung verzichten zu können.
Wenn ich etwas tue, was ich für sinnvoll halte — wenn ich also intrinsisch motiviert bin — dann würde ich mir doch eigentlich gerne den zusätzlichen Aufwand der ökonomischen Verhandlung und Abrechnung meiner Leistungen ersparen.
Ich will helfen, wo ich es für sinnvoll halte, ohne Geld dafür verlangen zu müssen.
Strukturell sind wir jedoch gezwungen unsere Arbeit an Preise zu binden. So werden die Motive und Zielsetzungen unserer Arbeit eben nur von Menschen vorgegeben, die uns für unser Engagement bezahlen können. Wir können nicht einfach helfen, wo Hilfe offensichtlich nötig ist.
Im Rahmen von Marktbeziehungen müssen wir selbst in der Lage sein, unsere Ansprüche über Marktmacht zu rechtfertigen.
Also können wir höchstens im Ausnahmefall frei von wirtschaftlichen Erwägungen entscheiden, was wir tun oder lassen wollen.

So könnte man sich auch erklären, warum die Welt in der wir leben so bedenklich heruntergekommen ist.
Wo Massen von Menschen über die strukturelle Bindung an Marktmacht für Ziele arbeiten, die ihnen im Hinblick auf ihre eigenen ethischen und moralischen Einsichten eigentlich fremd und unangenehm sind, da entstehen massive Probleme.
Das Marktsystem treibt uns in eine überdrehte, absurde, fremdbestimmte Produktivität, die in erster Linie eben der Vermehrung von Kapital dient.
Ethische und moralische Einsichten werden (angesichts strukturell erlebter Notwendigkeiten) hinter ökonomischen Erwägungen zurückgestellt.
Das ist meiner Ansicht nach das zentrale, fundamentale Problem in der Welt:
Ein manipulatives System ökonomischer Machtbeziehungen, das die Motive und Zielsetzungen der Menschen verzerrt, indem es Manipulation, Korruption und Ausbeutung in großem Stil ermöglicht und zynischen Egoismus belohnt.
Wenn wir dieses Problem im Rahmen transparenter, solidarischer Vernetzung auflösen könnten, dann würden wir Menschen die Freiheit geben, rein gemäß ihrer ethischen Einsichten zu entscheiden, was sie tun und lassen wollen.
Und da will ich hin.

Das ist es, was ich mir wünsche:
Die echte, ehrliche gesellschaftliche Freiheit, Entscheidungen gemäß bestem Wissen und Gewissen, jenseits ökonomischer Zwänge und Erwägungen treffen zu können.
Im Endeffekt ist es nämlich auch das, was Menschen auf die Idee bringt, sich verbeamten zu lassen: Es geht um den strukturellen ökonomischen Zwang, ein (möglichst sicheres) Einkommen zur Rechtfertigung von Ansprüchen erwirtschaften zu müssen.

Wir haben ein Problem mit der Korruption von Willensfreiheit.
Und daran ist nicht in erster Linie der Staat schuld. Unsere Freiheit wird vor allem im Rahmen von Konventionen und Ritualen der Vermarktung von Leistung und Arbeit kompromittiert.
Wenn man Menschen dazu manipulieren will, Dinge zu tun, die sie von sich aus nur ungern tun wollen, weil sie ihnen absurd, verlogen oder schädlich vorkommen, dann muss man sie eigentlich nur hinreichend ökonomisch unter Druck setzen oder bestechen.
Politische Macht und die Integrität politischer Entscheidungen wird letztlich durch ökonomische Erwägungen in Frage gestellt. Individuelle Willensentscheidungen werden durch ökonomische Macht manipuliert, kompromittiert und korrumpiert.
Jenseits von manipulativen Kaskaden der Vermarktung hätten wir sowieso eine andere Politik. Und Menschen wären individuell mit der Verantwortung konfrontiert, rein im Hinblick auf ihre erlebte soziale Verantwortung zu entscheiden, was sie tun oder lassen wollen, um ihre Welt und Wirklichkeit jeweils gesund und im Gleichgewicht zu halten.
Das ist es, was ich mir wünsche:
Eine Welt ohne Kunde und König.
Im Rahmen von Marktbeziehungen werden wir weder das eine noch das andere los. Im Paradigma der Vermarktung gilt das Motto:
Der Kunde ist König.
(Kunde = König! Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen politischer Macht und Marktmacht. Die Marktmacht ist es letztlich, die in unserer Welt entscheidet. Auch die Macht von Regierungen steht und fällt mit der Macht Beamte, Polizei, Gerichte und Militär bezahlen zu können. Wenn wir das Dilemma der Willenskorruption durch Marktmacht auflösen können, dann gibt es auch keine mächtigen Regime mehr, die Menschen massenhaft zu Dienern korrupter Motive machen können. Das Geld ist der Motor der Korruption und Manipulation. Das gilt auch für jedes Staatssystem.)
Ich will, dass Menschen lernen, Entscheidungen rein nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Ich will diesen Bann manipulativer Kaskaden fremdbestimmter Motive brechen, der die Welt immer tiefer den Abgrund der zynischen Selbstvernichtung zerrt.

Das wäre für mich echte, ehrliche soziale und individuelle Freiheit:
Die Freiheit nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden zu können für welche Ziele und Motive man sich engagieren will. Ohne die Irritation ökonomischer Erwägungen.
Nur müssen wir dazu erst mal raus aus der allgegenwärtigen Zwickmühle ökonomischer Vergeltungs- und Rechtfertigungs-Rituale.
Und das ist offenbar nicht so einfach.
Oder..?

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