Anarchie/ Anarchismus & Kapitalismus

Gedanken zu: “Anarchie – Was ist Anarchismus? Eine Einführung – Sascha Bender (Black Pigeon)”

Das ist ein ziemlich ansprechender, sympathischer Vortrag zum Einstieg in die Idee “Anarchie/ Anarchismus”… 🙂
Ich finde Sascha’s Ausführungen zum Problemfeld Kapitalismus allerdings etwas diffus.
// Es ist vielleicht sogar wirklich wichtig, dass man sich näher mit der Idee “Anarcho-Kapitalismus” auseinandersetzt, um ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, in welcher Weise die fundamentale Bezugnahme auf das Kriterium Marktmacht zur Verhandlung von Ansprüchen freiheitlich orientierten gesellschaftstheoretischen Vorstellungen zuwider läuft.
Er blendet die Auseinandersetzung mit den Vorstellungen der Anarcho-Kapitalisten hier leider völlig aus.
Meiner Ansicht nach wird die anarchistische Kritik an der Marktidee/ am Tauschgedanken und am Kapitalismus erst richtig plausibel, wenn man sie im Kontrast zur anarcho-kapitalistischen Idee: “Privatrechtsgesellschaft” &”Totale Kommerzialisierung” betrachtet.

Im wesentlichen würde ich so argumentieren, dass unsere Konditionierung auf Tauschbeziehungen und die Rituale der Vermarktung oder Preisverhandlung eine fragwürdige Kultur der Verhandlung von Ansprüchen über manipulative Reizmuster mit sich bringt. Unsere fundamentale Konditionierung auf manipulative Reizmuster, Mittel und Strukturen ökonomischer Macht belastet folglich auch die Integrität unserer Motive, Zielsetzungen und Beziehungen.

Menschen lassen sich im Rahmen einer ererbten Konditionierung auf Reizmuster ökonomischer Macht wunderbar einfach beeinflussen, blenden, irritieren und an der Nase herumführen. Das ist offenbar problematisch, wenn man dem Ideal Freiheit treu bleiben möchte. Manipulierbare und käufliche Menschen, deren Motive ständig durch wirtschaftliche Gier, Marktanreize und strukturelle Zwänge beeinträchtigt werden, muss man schließlich intensiv überwachen, maßregeln und kontrollieren, weil sie offenbar leider dazu neigen im rivalisierenden Streben nach Profit Mist zu bauen.

Solange wir das Kriterium “Marktmacht” ins Zentrum unserer Entscheidungsfindung stellen, müssen wir uns nicht wundern, dass Probleme der Käuflichkeit und Korruption überhand nehmen und unsere gesellschaftliche Freiheit folglich Einschränkungen unterworfen wird.

Ein wesentliches Problem, das wir im Rahmen einer Totalität von Tauschbeziehungen erleben, ist die sogenannte “Tragedy of the Commons” oder “Allmendeproblematik”:
Im rivalisierenden Streben nach Profit sind wir alle ständig mit dem Anreiz konfrontiert, alles Mögliche, was sich irgendwie verkaufen lässt, an uns zu reißen, einzuhegen und auszuschlachten, um es auf den Markt zerren und als Ware anbieten zu können.
In letzter Konsequenz dürfte es im Paradigma der Vermarktung demnach keine freien, offen zugänglichen Ressourcen geben, weil freie, offen zugängliche Ressourcen auf kurz oder lang der gierigen Ausbeutung durch rivalisierende Marktteilnehmer zum Opfer fallen würden.

Rivalität um Wirtschaftsmacht ist in vielfacher Hinsicht Gift für unsere natürliche Umwelt, für unsere sozialen Beziehungen und nicht zuletzt auch für unsere seelische Integrität.
Entscheidungen, die wir im Streben nach Profit und im Hinblick auf ökonomische  Anreize treffen, sind leider nicht immer einwandfrei in Einklang mit unseren ethischen und rationalen Einsichten zu bringen.

Nicht erst den “Kapitalismus” (als implementiertes ökonomisches System), sondern bereits unsere fundamental verankerte, tief verwurzelte Konditionierung auf eine manipulative Kultur der ökonomischen Kontrolle und Rechtfertigung von Ansprüchen betrachte ich als grundlegend problematisch im Hinblick auf das Ideal “Freiheit”.

Wenn wir uns demnach mehr soziale und individuelle Freiheit wünschen, dann geht es darum, dass wir von manipulativen Ritualen der Verhandlung von Preisen, Werten und Marktmacht absehen, das Kriterium Marktmacht von uns weisen und unsere Zielsetzungen, Motive und Entscheidungen stattdessen konsequent an unseren eigenen ethischen Einsichten orientieren.

Die Qualität unserer sozialen Beziehungen und Verhältnisse würde sich wohl automatisch verändern, wenn wir uns zunehmend auf eine Form der offenen, transparenten und konsequent solidarischen sozialen Vernetzung einlassen. Ich gehe davon aus, dass wir uns im Rahmen der gegebenen technologischen Möglichkeiten sehr gut Werkzeuge, Kommunikationswege und Strukturen der Sozialisation erschließen und aufbauen können, die uns eine offene, solidarische Form der gesellschaftlichen Vernetzung nahelegen.

Je offensichtlicher es uns gelingt eine ehrliche Kultur der wahrhaft freiwilligen Kooperation und Problemlösung zu etablieren, desto deutlicher werden gesellschaftliche Vorteile, die ein solches, freiheitliches, anarchistisches Lebensmodell attraktiv machen — womöglich auch für Zweifler und Unentschlossene.

Lebensgestaltung im Rahmen von solidarischen, offenen sozialen Netzwerken.

Es geht also darum, eine Kultur der Offenheit und Solidarität zu etablieren, indem wir generell die Motivation und die Bereitschaft entwickeln miteinander und füreinander unabhängig von Fragen der ökonomischen Kompensation oder Bezahlung Probleme zu lösen. Je besser die freiheitliche, spontane, freiwillige kooperative Problemlösung gelingt, desto eher können wir auf manipulative Rituale der Preisverhandlung verzichten.

Generelle Offenheit in der Kommunikation ist wichtig, um Fairness, Gewissenhaftigkeit, Vertrauen und das Erlebnis sozialer Verantwortung zu fördern. In offener, transparenter Kommunikation können schließlich auch Konflikte um knappe Ressourcen besser vermieden, geschlichtet und aufgelöst werden.

Solidarisches Verhalten würde ich sogar als unmittelbare Konsequenz freiheitlicher sozialer Arrangements im Rahmen von Strukturen der offenen, transparenten gesellschaftlichen Vernetzung betrachten.

Wenn man im Rahmen offen, solidarisch vernetzter sozialer Horizonte das Paradigma von Kommerz & Marktmacht aufweichen, relativieren und über den Haufen werfen kann, lösen sich Probleme der autoritären Verwaltung und Intervention gesellschaftlicher Strukturen auch automatisch auf. Die Wirksamkeit der Machtmittel (Geld, Lohn, Bezahlung) und die Legitimation für althergebrachte, institutionalisierte hierarchische Überwachungs-Strukturen würde sich allmählich verflüchtigen, insofern das solidarische Lebensmodell gelingt und Anklang findet.

Nachtrag (2017-04-08)

Bei: 1:38:57 wird das Thema Geldschöpfung angeschnitten:
“… Theoretisch könnte der Staat das auch selber machen, aber das ist irgendwie tabu.”

Das denke ich mir auch immer wieder…!
Warum nicht? Warum müssen sich Staaten denn überhaupt verschulden, wenn sie doch mittels einer Art “Monetative” selbst in demokratischen Prozessen Geld schöpfen könnten? Das Geld das ein Staat auf diese Weise schöpfen würde, das würde eben dann im Rahmen von Projekten, die im politischen Konsens bewilligt werden, in die nationale Wirtschaft einfließen. Firmen, die beispielsweise im Staatsauftrag dann Schulen, Straßen, Kindergärten, Wasserparks oder Krankenhäuser bauen, werden dann mit Geld bezahlt, das eine Monetative zu diesem Zweck schöpft und bereitstellt… Dieses schuldenfrei geschöpfte Geld kursiert dann als Zahlungsmittel selbstverständlich auch in der Privatwirtschaft. Man müsste sich überlegen, wie eine entsprechende Tilgung der Geldmenge zur Kompensation von Inflationseffekten geschehen könnte… Steuern müssten ja dann auch nicht mehr zur Finanzierung staatlicher Projekte eingesammelt werden. Gelder, die in der Staatskasse landen, könnten ebenfalls in demokratischen Beschlüssen wieder entsprechend neu eingebracht oder eben getilgt und aus dem wirtschaftlichen Verkehr gezogen werden.

Ein entsprechendes Modell der vernetzten, dezentralen Geldschöpfung in politischen Prozessen, könnte man sich schließlich auch für anarchistische Lebensformen oder Gesellschaftskreise ausdenken… Aber die Bezugnahme auf Geld und wirtschaftlichen Wert führt meiner Ansicht nach immer wieder in eine Sackgasse manipulativer Beziehungen und fremdbestimmter Verhältnisse… Deswegen gehe ich davon aus, dass es auch ohne Geld gehen kann und muss, wenn man sich konsequent an die Ideale Freiheit und Solidarität halten möchte.

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