Anarchie/ Anarchismus & Kapitalismus

Gedanken zu: “Anarchie – Was ist Anarchismus? Eine Einführung – Sascha Bender (Black Pigeon)”

Das ist ein ziemlich ansprechender, sympathischer Vortrag zum Einstieg in die Idee “Anarchie/ Anarchismus”… 🙂
Ich finde Sascha’s Ausführungen zum Problemfeld Kapitalismus allerdings etwas diffus.
// Es ist vielleicht sogar wirklich wichtig, dass man sich näher mit der Idee “Anarcho-Kapitalismus” auseinandersetzt, um ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, in welcher Weise die fundamentale Bezugnahme auf das Kriterium Marktmacht zur Verhandlung von Ansprüchen freiheitlich orientierten gesellschaftstheoretischen Vorstellungen zuwider läuft.
Er blendet die Auseinandersetzung mit den Vorstellungen der Anarcho-Kapitalisten hier leider völlig aus.
Meiner Ansicht nach wird die anarchistische Kritik an der Marktidee/ am Tauschgedanken und am Kapitalismus erst richtig plausibel, wenn man sie im Kontrast zur anarcho-kapitalistischen Idee: “Privatrechtsgesellschaft” &”Totale Kommerzialisierung” betrachtet.

Im wesentlichen würde ich so argumentieren, dass unsere Konditionierung auf Tauschbeziehungen und die Rituale der Vermarktung oder Preisverhandlung eine fragwürdige Kultur der Verhandlung von Ansprüchen über manipulative Reizmuster mit sich bringt. Unsere fundamentale Konditionierung auf manipulative Reizmuster, Mittel und Strukturen ökonomischer Macht belastet folglich auch die Integrität unserer Motive, Zielsetzungen und Beziehungen.

Menschen lassen sich im Rahmen einer ererbten Konditionierung auf Reizmuster ökonomischer Macht wunderbar einfach beeinflussen, blenden, irritieren und an der Nase herumführen. Das ist offenbar problematisch, wenn man dem Ideal Freiheit treu bleiben möchte. Manipulierbare und käufliche Menschen, deren Motive ständig durch wirtschaftliche Gier, Marktanreize und strukturelle Zwänge beeinträchtigt werden, muss man schließlich intensiv überwachen, maßregeln und kontrollieren, weil sie offenbar leider dazu neigen im rivalisierenden Streben nach Profit Mist zu bauen.

Solange wir das Kriterium “Marktmacht” ins Zentrum unserer Entscheidungsfindung stellen, müssen wir uns nicht wundern, dass Probleme der Käuflichkeit und Korruption überhand nehmen und unsere gesellschaftliche Freiheit folglich Einschränkungen unterworfen wird.

Ein wesentliches Problem, das wir im Rahmen einer Totalität von Tauschbeziehungen erleben, ist die sogenannte “Tragedy of the Commons” oder “Allmendeproblematik”:
Im rivalisierenden Streben nach Profit sind wir alle ständig mit dem Anreiz konfrontiert, alles Mögliche, was sich irgendwie verkaufen lässt, an uns zu reißen, einzuhegen und auszuschlachten, um es auf den Markt zerren und als Ware anbieten zu können.
In letzter Konsequenz dürfte es im Paradigma der Vermarktung demnach keine freien, offen zugänglichen Ressourcen geben, weil freie, offen zugängliche Ressourcen auf kurz oder lang der gierigen Ausbeutung durch rivalisierende Marktteilnehmer zum Opfer fallen würden.

Rivalität um Wirtschaftsmacht ist in vielfacher Hinsicht Gift für unsere natürliche Umwelt, für unsere sozialen Beziehungen und nicht zuletzt auch für unsere seelische Integrität.
Entscheidungen, die wir im Streben nach Profit und im Hinblick auf ökonomische  Anreize treffen, sind leider nicht immer einwandfrei in Einklang mit unseren ethischen und rationalen Einsichten zu bringen.

Nicht erst den “Kapitalismus” (als implementiertes ökonomisches System), sondern bereits unsere fundamental verankerte, tief verwurzelte Konditionierung auf eine manipulative Kultur der ökonomischen Kontrolle und Rechtfertigung von Ansprüchen betrachte ich als grundlegend problematisch im Hinblick auf das Ideal “Freiheit”.

Wenn wir uns demnach mehr soziale und individuelle Freiheit wünschen, dann geht es darum, dass wir von manipulativen Ritualen der Verhandlung von Preisen, Werten und Marktmacht absehen, das Kriterium Marktmacht von uns weisen und unsere Zielsetzungen, Motive und Entscheidungen stattdessen konsequent an unseren eigenen ethischen Einsichten orientieren.

Die Qualität unserer sozialen Beziehungen und Verhältnisse würde sich wohl automatisch verändern, wenn wir uns zunehmend auf eine Form der offenen, transparenten und konsequent solidarischen sozialen Vernetzung einlassen. Ich gehe davon aus, dass wir uns im Rahmen der gegebenen technologischen Möglichkeiten sehr gut Werkzeuge, Kommunikationswege und Strukturen der Sozialisation erschließen und aufbauen können, die uns eine offene, solidarische Form der gesellschaftlichen Vernetzung nahelegen.

Je offensichtlicher es uns gelingt eine ehrliche Kultur der wahrhaft freiwilligen Kooperation und Problemlösung zu etablieren, desto deutlicher werden gesellschaftliche Vorteile, die ein solches, freiheitliches, anarchistisches Lebensmodell attraktiv machen — womöglich auch für Zweifler und Unentschlossene.

Lebensgestaltung im Rahmen von solidarischen, offenen sozialen Netzwerken.

Es geht also darum, eine Kultur der Offenheit und Solidarität zu etablieren, indem wir generell die Motivation und die Bereitschaft entwickeln miteinander und füreinander unabhängig von Fragen der ökonomischen Kompensation oder Bezahlung Probleme zu lösen. Je besser die freiheitliche, spontane, freiwillige kooperative Problemlösung gelingt, desto eher können wir auf manipulative Rituale der Preisverhandlung verzichten.

Generelle Offenheit in der Kommunikation ist wichtig, um Fairness, Gewissenhaftigkeit, Vertrauen und das Erlebnis sozialer Verantwortung zu fördern. In offener, transparenter Kommunikation können schließlich auch Konflikte um knappe Ressourcen besser vermieden, geschlichtet und aufgelöst werden.

Solidarisches Verhalten würde ich sogar als unmittelbare Konsequenz freiheitlicher sozialer Arrangements im Rahmen von Strukturen der offenen, transparenten gesellschaftlichen Vernetzung betrachten.

Wenn man im Rahmen offen, solidarisch vernetzter sozialer Horizonte das Paradigma von Kommerz & Marktmacht aufweichen, relativieren und über den Haufen werfen kann, lösen sich Probleme der autoritären Verwaltung und Intervention gesellschaftlicher Strukturen auch automatisch auf. Die Wirksamkeit der Machtmittel (Geld, Lohn, Bezahlung) und die Legitimation für althergebrachte, institutionalisierte hierarchische Überwachungs-Strukturen würde sich allmählich verflüchtigen, insofern das solidarische Lebensmodell gelingt und Anklang findet.

Nachtrag (2017-04-08)

Bei: 1:38:57 wird das Thema Geldschöpfung angeschnitten:
“… Theoretisch könnte der Staat das auch selber machen, aber das ist irgendwie tabu.”

Das denke ich mir auch immer wieder…!
Warum nicht? Warum müssen sich Staaten denn überhaupt verschulden, wenn sie doch mittels einer Art “Monetative” selbst in demokratischen Prozessen Geld schöpfen könnten? Das Geld das ein Staat auf diese Weise schöpfen würde, das würde eben dann im Rahmen von Projekten, die im politischen Konsens bewilligt werden, in die nationale Wirtschaft einfließen. Firmen, die beispielsweise im Staatsauftrag dann Schulen, Straßen, Kindergärten, Wasserparks oder Krankenhäuser bauen, werden dann mit Geld bezahlt, das eine Monetative zu diesem Zweck schöpft und bereitstellt… Dieses schuldenfrei geschöpfte Geld kursiert dann als Zahlungsmittel selbstverständlich auch in der Privatwirtschaft. Man müsste sich überlegen, wie eine entsprechende Tilgung der Geldmenge zur Kompensation von Inflationseffekten geschehen könnte… Steuern müssten ja dann auch nicht mehr zur Finanzierung staatlicher Projekte eingesammelt werden. Gelder, die in der Staatskasse landen, könnten ebenfalls in demokratischen Beschlüssen wieder entsprechend neu eingebracht oder eben getilgt und aus dem wirtschaftlichen Verkehr gezogen werden.

Ein entsprechendes Modell der vernetzten, dezentralen Geldschöpfung in politischen Prozessen, könnte man sich schließlich auch für anarchistische Lebensformen oder Gesellschaftskreise ausdenken… Aber die Bezugnahme auf Geld und wirtschaftlichen Wert führt meiner Ansicht nach immer wieder in eine Sackgasse manipulativer Beziehungen und fremdbestimmter Verhältnisse… Deswegen gehe ich davon aus, dass es auch ohne Geld gehen kann und muss, wenn man sich konsequent an die Ideale Freiheit und Solidarität halten möchte.

Die Psychologie von Marktwert/ Marktmacht & Preisverhandlung

Anhand von einem sehr einfachen Beispiel erklärt Ben Daniel hier die psychologische Dynamik einer subjektiven Verhandlung von Wert:


→ Siehe: Subjektive Werttheorie (Subjective Theory of Value), Grenznutzen, Österreichische Schule;

Mir ist das allerdings noch zu kurz gedacht.
Die Rituale einer Verhandlung von wirtschaftlichem Wert erklären und erschöpfen sich nicht im Micro-Kosmos einer trivialen, isolierten, individuellen Tauschsituation.
Ich würde gerne weiter denken und überlegen, was für individuelle psychologische und gesellschaftliche Konsequenzen uns entstehen, wo wir uns auf ein Spiel der ökonomischen Verhandlung und Rechtfertigung von Ansprüchen einlassen.

Ich denke, das Denken im Framework von Marktwert und Marktmacht führt letztlich nur zu gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen der Wille des Menschen käuflich, korrumpierbar und manipulierbar gehalten wird.
Jedes Problem, das wir mit korrupten Machtstrukturen haben, ist darauf zurückzuführen, dass Menschen darauf konditioniert werden, Ansprüche auf Teilhabe und Unterstützung über die Akkumulation und Vermittlung von Marktmacht voreinander zu rechtfertigen. (Die Verhandlung von Marktwert ist letztlich nur die Kehrseite der Verhandlung von Marktmacht. Das darf man nicht übersehen. Sonst versteht man nicht, worum es bei einer Preisverhandlung geht.)

In einer total vermarkteten Welt und Wirklichkeit sind wir also prinzipiell über Rituale und Konventionen der ökonomischen Rechtfertigung und Manipulation vernetzt.
Das ist für mich keine Basis für eine freiheitliche Gesellschaft.
Im Rahmen rivalisierender Marktbeziehungen entstehen zu viele destruktive Reize und Zwänge… und folglich erleben wir Spannungen, Probleme und Konfrontationen, die jenseits der Bezugnahme auf Marktwert und Marktmacht unerheblich oder vermeidbar wären.
Als Konsequenz der Vernetzung über das Kriterium Marktmacht erleben wir strukturelle Zwänge und Reize, die uns immer wieder in Konfrontation mit unseren eigenen ethischen und moralischen Einsichten bringen.
Wir bauen zu viel Scheiße, wo wir von Profit gelockt und von Armut getrieben werden und dort, wo wir nicht mit Bezahlung rechnen können, da können wir leider kaum helfen.

Vereinfacht gesagt:
Das Denken im Rahmen der Kriterien Marktwert und Marktmacht bringt Menschen davon ab, frei nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden, was sie tun oder lassen wollen. Der Wille des Menschen ist dementsprechend nicht wirklich frei, solange wir uns auf Muster und Konventionen der Vermarktung und Käuflichkeit konditionieren lassen.

Ich will raus aus einer Welt, in der sich Menschen für Geld erniedrigen, entwürdigen, ausbeuten, bestechen und korrumpieren lassen.
Der Glaube an “Marktwert” ist die Basis all der manipulativen Strukturen und Muster, die uns zusehends gegeneinander, gegen unsere Natur und Umwelt und gegen uns selbst aufbringen. Solange genügend Menschen fest an das Kriterium Marktmacht glauben, sind wir eingeklemmt in Strukturen der ökonomischen Manipulierbarkeit.
Solange wir daran glauben, dass wir Ansprüche voreinander über die Verhandlung und Vermittlung von Marktmacht rechtfertigen müssen, sind wir genötigt uns auf ein Spiel einzulassen, in dem die Integrität unserer Motive ständig in Frage steht und bezweifelt werden kann.
Jeder ist prinzipiell käuflich und bestechlich, solange wir uns alle auf das Spiel der Käuflichkeit, Bestechlichkeit, Prostitution und Korrumpierbarkeit einlassen.
(Die üblichen Verdächtigen — Leute, wie George Soros oder Baron Rothschild — könnten mich beispielsweise dafür bezahlt haben, dass ich diesen Text hier schreibe… Verschwörungstheorien werden eigentlich nur dort wirklich plausibel, wo man die Bestechlichkeit und Korrumpierbarkeit einer großen Masse von Menschen voraussetzen kann. So macht der Glaube an Marktmacht und Marktwert letztlich sogar ein angsterfülltes, paranoides Weltbild plausibel.)

Um die manipulativen Muster und Strukturen aufzulösen, die die Welt in den kollektiven Irrsinn fremdbestimmter Arbeit treiben, müssten wir vor allem den Glauben an die Rituale und Konventionen ökonomischer Bewertung und Preisverhandlung aufgeben.
Stattdessen müssten wir soziale Horizonte aufbauen, in denen wir auf die Bedürfnisse und Probleme unserer Mitmenschen eingehen und uns freiwillig engagieren, wo wir jeweils helfen können, unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen oder Profitinteressen.
Manipulative und korrupte Verhältnisse können wir überall dort auflösen, wo wir uns letztlich darauf einlassen, konsequent offen und solidarisch miteinander umzugehen und unabhängig von der Verhandlung ökonomischer Werte und Machtmittel zu helfen, wo wir jeweils erkennen können, dass Hilfe nötig ist.
In einem gesellschaftlichen Horizont, in dem wir unabhängig von Ritualen ökonomischer Rechtfertigung mit Unterstützung und Teilhabe rechnen können, könnten wir schließlich auch auf die manipulativen Muster, Strukturen und Kontrollrituale verzichten, die wir uns im Rahmen rivalisierender Marktbeziehungen auferlegen.
Leben und Arbeiten im Verzicht auf Rituale der Wertverhandlung, Kompensation und Vergütung. Freiwillige Kooperation gemäß bestem Wissen und Gewissen, jenseits manipulativer Strukturen ökonomischer Macht.

… Alles andere hat ja schließlich keinen Wert… :/

//
–> Absurde vermarktete Welt…

voluntary_exchange

» Allowing a free market in children […] would allow for an allocation of babies and children away from parents who dislike or do not care for their children, and toward foster parents who deeply desire such children. Everyone involved: the natural parents, the children, and the foster parents purchasing the children, would be better off in this sort of society. «

(“Everyone… better off in this sort of society.” … ?!)
Siehe:
https://mises.org/library/children-and-rights

Marktbeziehungen & Freiheit?

Ich verfolge und beobachte ab und zu, anarcho-kapitalistische, markt-libertäre Blogs, Videologs, facebook-Pages und Podcasts.
Ein paar Leute, die regelmäßig zu diesem Thema schreiben, kommentieren und “senden”, kenne ich sogar persönlich.

Erst heute habe ich im Netz ein Video entdeckt, das ein Freund und Bekannter aus früheren Zeiten neulich hochgeladen hat.
Manuel (Freiwillig Frei) bietet offenbar im Rahmen einer Seminarreihe, beamteten Staatsdienern den “Ausstieg aus dem Staatssystem” an.
“Libertarier”, die sich der “Österreichischen Schule” zugetan fühlen, kritisieren insbesondere staatliche Institutionen und steuerfinanzierte Leistungen.
Der Beitrag impliziert so gesehen, dass es prinzipiell unmoralisch ist, im Staatsdienst zu arbeiten und ein steuerfinanziertes Gehalt zu beziehen.
Anarcho-Kapitalisten wünschen sich einen “freien Markt” ohne Staatswesen.

Dagegen, dass man Leute freiwillig beruflich berät, ist nichts einzuwenden. Das ist eigentlich auch eine gute Sache, wenn man Leuten hilft, das zu tun, was ihnen am besten liegt und was sie gerne tun wollen.

Die Überwindung von ökonomisch legitimierten Machtstrukturen erachte ich allerdings als mindestens genauso wichtig, wie die propagierte Überwindung politischer Institutionen und Hierarchien.

Demnach wäre es vielleicht wichtiger (oder sinnvoller) zu überlegen, wie man sich aus dem allgegenwärtigen strukturellen Zwang zur Vermarktung lösen kann.

Das, was menschliche Produktivkräfte fundamental in manipulativen Verhältnissen bindet, ist schließlich die Tatsache, dass wir strukturell gezwungen sind Ansprüche auf Unterstützung und Teilhabe durch die Vermittlung von Wirtschaftsmacht voreinander zu rechtfertigen.

Wir sind im Prinzip nicht wirklich “frei” zu entscheiden, wem wir helfen wollen.

Wir können in der Regel nur Leuten helfen, die uns eine Bezahlung in Aussicht stellen können. Und das ist leider eine sehr kleine Untersumme der Menschen, die in der Welt tatsächlich Hilfe brauchen.
Deshalb sieht die Welt so aus, wie sie aussieht…

Weil die Arbeit von Menschen an Rituale der ökonomischen Rechtfertigung gebunden ist, kann man viele wirklich drastische Probleme in der Welt eben nur lösen, wenn sich jemand erbarmt zu spenden oder wenn man Institutionen etabliert, die sich im gesellschaftlichen Interesse darum kümmern.
Aber diese Institutionen können Arbeitskraft eben auch nur binden, wenn sie Leute bezahlen können. Deswegen werden also Steuern gesammelt: Weil es soziale und ökologische Probleme gibt, die uns zwar letztlich alle betreffen, aber kaum jemand bereit ist, deren Lösung (privat und jenseits von Profitinteressen) zu finanzieren.

Den Staat gibt es, weil es Probleme gibt, die im Paradigma der Vermarktung — ohne obligatorische Abgaben — nur schwierig lösbar sind.

Wenn wir uns allerdings wirklich solidarisch und transparent vernetzen würden, bräuchten wir keinen Staat, der Zwangsabgaben fordert.
Wenn wir uns offen und solidarisch arrangieren würden, dann könnten wir aber auch auf Rituale der ökonomischen Abgrenzung und Abrechnung verzichten.

Das ist der zentrale Punkt meiner Überlegungen:
Ich denke, dass unsere gesellschaftliche und individuelle Freiheit fundamental durch unseren Glauben an das Paradigma der Vermarktung beeinträchtigt wird.
Das Staatssystem sehe ich als Konsequenz rivalisierender Marktbeziehungen.
Rivalisierende Marktbeziehungen sind auf einen Mangel an Solidarität in sozialen Beziehungen zurückzuführen.
Den bedauerlichen Mangel an Solidarität, der weitgehend allen unseren wesentlichen sozialen Problemen zugrunde liegt, sehe ich im wesentlichen als Folge intransparenter sozialer Verhältnisse.
(Und viele Geschäftsmodelle im Rahmen rivalisierender Marktbeziehungen basieren auf Informationsasymmetrien und intransparenten gesellschaftlichen Verhältnissen.)

Was ich mir wirklich wünschen würde, wären soziale Horizonte, in denen sich Menschen die Freiheit schaffen, unabhängig von Ritualen der ökonomischen Rechtfertigung zu leben, zu arbeiten und miteinander Probleme zu lösen.
Ich würde mir die Freiheit wünschen, auf das Ritual der Preisverhandlung und Bezahlung verzichten zu können.
Wenn ich etwas tue, was ich für sinnvoll halte — wenn ich also intrinsisch motiviert bin — dann würde ich mir doch eigentlich gerne den zusätzlichen Aufwand der ökonomischen Verhandlung und Abrechnung meiner Leistungen ersparen.
Ich will helfen, wo ich es für sinnvoll halte, ohne Geld dafür verlangen zu müssen.
Strukturell sind wir jedoch gezwungen unsere Arbeit an Preise zu binden. So werden die Motive und Zielsetzungen unserer Arbeit eben nur von Menschen vorgegeben, die uns für unser Engagement bezahlen können. Wir können nicht einfach helfen, wo Hilfe offensichtlich nötig ist.
Im Rahmen von Marktbeziehungen müssen wir selbst in der Lage sein, unsere Ansprüche über Marktmacht zu rechtfertigen.
Also können wir höchstens im Ausnahmefall frei von wirtschaftlichen Erwägungen entscheiden, was wir tun oder lassen wollen.

So könnte man sich auch erklären, warum die Welt in der wir leben so bedenklich heruntergekommen ist.
Wo Massen von Menschen über die strukturelle Bindung an Marktmacht für Ziele arbeiten, die ihnen im Hinblick auf ihre eigenen ethischen und moralischen Einsichten eigentlich fremd und unangenehm sind, da entstehen massive Probleme.
Das Marktsystem treibt uns in eine überdrehte, absurde, fremdbestimmte Produktivität, die in erster Linie eben der Vermehrung von Kapital dient.
Ethische und moralische Einsichten werden (angesichts strukturell erlebter Notwendigkeiten) hinter ökonomischen Erwägungen zurückgestellt.
Das ist meiner Ansicht nach das zentrale, fundamentale Problem in der Welt:
Ein manipulatives System ökonomischer Machtbeziehungen, das die Motive und Zielsetzungen der Menschen verzerrt, indem es Manipulation, Korruption und Ausbeutung in großem Stil ermöglicht und zynischen Egoismus belohnt.
Wenn wir dieses Problem im Rahmen transparenter, solidarischer Vernetzung auflösen könnten, dann würden wir Menschen die Freiheit geben, rein gemäß ihrer ethischen Einsichten zu entscheiden, was sie tun und lassen wollen.
Und da will ich hin.

Das ist es, was ich mir wünsche:
Die echte, ehrliche gesellschaftliche Freiheit, Entscheidungen gemäß bestem Wissen und Gewissen, jenseits ökonomischer Zwänge und Erwägungen treffen zu können.
Im Endeffekt ist es nämlich auch das, was Menschen auf die Idee bringt, sich verbeamten zu lassen: Es geht um den strukturellen ökonomischen Zwang, ein (möglichst sicheres) Einkommen zur Rechtfertigung von Ansprüchen erwirtschaften zu müssen.

Wir haben ein Problem mit der Korruption von Willensfreiheit.
Und daran ist nicht in erster Linie der Staat schuld. Unsere Freiheit wird vor allem im Rahmen von Konventionen und Ritualen der Vermarktung von Leistung und Arbeit kompromittiert.
Wenn man Menschen dazu manipulieren will, Dinge zu tun, die sie von sich aus nur ungern tun wollen, weil sie ihnen absurd, verlogen oder schädlich vorkommen, dann muss man sie eigentlich nur hinreichend ökonomisch unter Druck setzen oder bestechen.
Politische Macht und die Integrität politischer Entscheidungen wird letztlich durch ökonomische Erwägungen in Frage gestellt. Individuelle Willensentscheidungen werden durch ökonomische Macht manipuliert, kompromittiert und korrumpiert.
Jenseits von manipulativen Kaskaden der Vermarktung hätten wir sowieso eine andere Politik. Und Menschen wären individuell mit der Verantwortung konfrontiert, rein im Hinblick auf ihre erlebte soziale Verantwortung zu entscheiden, was sie tun oder lassen wollen, um ihre Welt und Wirklichkeit jeweils gesund und im Gleichgewicht zu halten.
Das ist es, was ich mir wünsche:
Eine Welt ohne Kunde und König.
Im Rahmen von Marktbeziehungen werden wir weder das eine noch das andere los. Im Paradigma der Vermarktung gilt das Motto:
Der Kunde ist König.
(Kunde = König! Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen politischer Macht und Marktmacht. Die Marktmacht ist es letztlich, die in unserer Welt entscheidet. Auch die Macht von Regierungen steht und fällt mit der Macht Beamte, Polizei, Gerichte und Militär bezahlen zu können. Wenn wir das Dilemma der Willenskorruption durch Marktmacht auflösen können, dann gibt es auch keine mächtigen Regime mehr, die Menschen massenhaft zu Dienern korrupter Motive machen können. Das Geld ist der Motor der Korruption und Manipulation. Das gilt auch für jedes Staatssystem.)
Ich will, dass Menschen lernen, Entscheidungen rein nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen. Ich will diesen Bann manipulativer Kaskaden fremdbestimmter Motive brechen, der die Welt immer tiefer den Abgrund der zynischen Selbstvernichtung zerrt.

Das wäre für mich echte, ehrliche soziale und individuelle Freiheit:
Die Freiheit nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden zu können für welche Ziele und Motive man sich engagieren will. Ohne die Irritation ökonomischer Erwägungen.
Nur müssen wir dazu erst mal raus aus der allgegenwärtigen Zwickmühle ökonomischer Vergeltungs- und Rechtfertigungs-Rituale.
Und das ist offenbar nicht so einfach.
Oder..?

Bezugnahme auf Gott

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Die Bezugnahme auf “Gott” finde ich immer wieder interessant…
(Also: wirklich interessant! nicht herablassend zynisch oder belächelnd gemeint.)

Gott wird dir auch nicht helfen, Trottel. [Youtube comment by Tar Morion: Verletzte Seelen Doku über das Massaker von Erfurt - 10 Jahre nach dem Schulmassaker in Erfurt]
“Gott wird dir auch nicht helfen, Trottel.” [Youtube Kommentar: Verletzte Seelen Doku über das Massaker von Erfurt – 10 Jahre nach dem Schulmassaker in Erfurt]
Ich glaube ich bin so’was wie ein “Post-Atheist” (“Anatheist”?) oder (schlicht) “Agnostiker”… aber das trifft es auch nicht so wirklich exakt.
Ich habe wenig Zweifel daran, dass es etwas gibt, das man als “Gott” bezeichnen kann. (Man kann zweifellos etwas finden und erfinden, das man mit dem Bezeichner “Gott” sinnvoll assoziieren kann.)
Wenn man will, dann kann man Gott finden und eine echte, ehrliche, wirksame Verbindung zu Gott aufbauen.
Das glaub’ ich ehrlich… (oder: Davon gehe ich aus…) Und das funktioniert wahrscheinlich dann am besten, wenn man den Bezeichner “Gott” frei von Illusionen, spekulativen Annahmen, vorgefassten Dogmen oder pauschalen Vorwürfen hält… dann kann Gott zu einem wesentlichen Aspekt der Wirklichkeitserfahrung werden.
Die aufrichtige Frage nach einer Wirklichkeit hinter dem Bezeichner “Gott” kann sogar dazu motivieren blenderische/ illusorische Vorstellungen über “Gott und die Welt”/ über das Leben/ über die Menschen und über einen selbst bewusst zu machen und abzulegen.
Die aufgeschlossene Frage nach “Gott” kann sinnvoll, interessant, inspirierend, aufschlussreich, spannend oder zumindest unterhaltsam sein.

“Gott” ist unbestritten das MEGA-Kofferwort überhaupt.
Je weniger Müll & Ballast wir in die Bezugnahme auf “Gott” packen, desto weniger haben wir auf unserer Reise zu schleppen. Es gibt jedenfalls kaum ein Wort, das mehr belastet und bepackt ist, mit fixen Ideen, Vorurteilen, Spekulationen und Spinnereien. Und Atheisten sind gegen fixe Ideen, Vorurteile, Spekulationen und Spinnereien alles andere als immun.

Ironischerweise wird man “Gott” eben nicht so einfach los, indem man “Gott” pauschal ablehnt oder verteufelt und verurteilt.
Gerade die aggressive, insistierende Negation und Verurteilung Gottes zeugt von einer intensiven Beschäftigung mit (enttäuschten oder enttäuschenden) Vorstellungen von “Gott”.

Mir fällt auf, dass Menschen in einer negativen Bezugnahme auf “Gott” eigentlich immer Enttäuschungen über die Welt/ die Menschen und das Leben verarbeiten.
In diesem Sinne sehe ich Atheismus (oder auch Formen von “Satanismus”) eigentlich als “Via Negativa”/ als “apophatische Theologie”.
Atheisten (“Antitheisten” oder “Satanisten”) suchen in gewisser Hinsicht “Gott” darin zu ergründen, dass sie das leugnen und ablehnen, was Gott eben nicht sein kann, wenn man die Bezugnahme auf “Gott” ernst nehmen wollte.
Offenbar geht es in den unterschiedlichen Spielarten der Ablehnung Gottes immer um enttäuschte Vorstellungen und Ansichten, die mit der Referenz auf “Gott” oder auf spirituelle Ideen & religiöse Symbole in Verbindung gebracht werden.

Wenn man oft genug mit naiven, illusorischen, heuchlerischen oder einfach unglaubhaften Ideen und Vorstellungen über “Gott” konfrontiert worden ist, dann tendiert man verständlicherweise dazu, die Referenz auf “Gott” negativ zu belegen und abzulehnen. Besonders die Beobachtung von religiöser Heuchelei und Doppelmoral wirkt zweifellos extrem enttäuschend und abschreckend. Aber dabei geht es eben auch nicht um “Gott”, sondern um korrumpierte menschliche Ideale, Glaubensansichten und Charaktereingenschaften.

Ich denke allerdings, dass man letztlich nur auf den Irrsinn und Unsinn herein fällt, den Menschen über “Gott” erzählen, wenn man enttäuschte Vorstellungen und Ideen nicht loslassen kann.
Letztlich fehlt es ja nicht an “Gott”, sondern es geht darum falsche und verlogene Vorstellungen zu überwinden. Man kann also offenbar verkehrte Vorstellungen von “Gott” fallen lassen, ohne dass man die Frage nach “Gott” deswegen negativ oder zynisch beantworten muss.

Ich will nicht vorgeben besser zu wissen was Gott ist… Jedes mal, wenn wir so tun als ob wir verstehen, was Gott will oder was Gott mit uns und der Welt, die wir erleben, vor hat oder zu tun hat, riskieren wir eine harte, unangenehme/ peinliche Kollision mit unserer Beschränktheit, Hybris und Ignoranz…
Aber ich hör’ mir gerne an, was Menschen über “Gott” zu erzählen haben.
Und das ist nicht immer nur dumm, unsinnig, abgehoben oder verblendet…
Auch atheistische, negative Ideen und Vorstellungen von “Gott” können zum Denken anregen.
Meiner Erfahrung nach kann man den eigenen Horizont massiv erweitern, wenn man die Frage nach “Gott” offen hält und wenn man aufgeschlossen an spirituelle, religiöse oder kosmologische/ philosophische Fragen herangeht. Man kann Ideen und Vorstellungen über “Gott” sammeln und dabei eine Menge lernen.
Zumindest über Menschen — über deren Lebenseinstellungen/ seelische Disposition und Perspektiven auf die Welt…

Wissenschaft & Esoterik (Lesch)

Harald Lesch über “Physik” & “Esoterik”:

Das ist möglicherweise so etwas, wie ein “Strohmann-Argument“, das er sich da zurechtgelegt hat.
Beispiele, wie das mit dem “informierten Wasser” (Masaru Emoto) sind vielleicht amüsant und leicht zu belächeln oder von der Hand zu weisen, repräsentieren aber sicherlich nur einen Randaspekt der (zentralen) Ideen, Gedanken und Vorstellungen, die man als “esoterisch” bezeichnen kann.

Ausschnitt aus Ghostbusters 2:
Mood Slime! “… what a discovery: A psychoreactive substance!..”
(Parodistische Hommage an Emoto & Co..?)  😉 

Jedenfalls ist “Esoterik” nicht gleich Esoterik.

Und es ist nicht alles gleich blöd, lachhaft oder unwissenschaftlich, was unter dem Begriff “Esoterik” verstanden werden kann.
Wenn man “Esoterik” aber so versteht, wie unser Professor das hier rüber bringt, dann kann ich selbstverständlich auch seinen Standpunkt verstehen.

Das Ding ist nur…
Alles, was heute unter dem Oberbegriff “Wissenschaft” abläuft und funktioniert oder organisiert wird, ist aus genau der selben Wurzel entsprungen, wie alles, was man als “Esoterik” (im weitesten Sinne) bezeichnen kann.
(Es geht dabei um die Neugier auf verborgene Zusammenhänge, die das menschliche Nachdenken und Forschen antreibt…)
Und es gibt sicherlich keine klare Trennlinie zwischen “Wissenschaftlern” und “Esoterikern”.
Bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse (oder Erfindungen) entstammen immer irgendwie auch Denkprozessen, die sich jenseits der eingeübten Methoden und Muster des streng wissenschaftlichen Forschens bewegt haben.
(Siehe Paul Feyerabend: “Methodenanarchismus“!)

Viele bedeutende Wissenschaftler waren zudem zweifellos religiös inspiriert und nicht selten auch von “esoterisch” anmutenden Ideen, Gedanken und Vorstellungen motiviert.
Man denke nur mal an Max Planck: „Es gibt keine Erklärung für das Universum außer der Annahme einer höchsten schöpferischen Intelligenz“ (Science of Mind, Dezember 1955).
… an Leibniz und Kepler, die beide von einem hoch-religiösen Impetus beflügelt waren …
… oder auch an logische Genies und Denker, wie Kurt Gödel (Gottesbeweis) & Konrad Zuse (“rechnender Raum”)…
… oder moderne spirituelle Physiker, wie Fred Alan Wolf oder Frank J. Tipler, etc…

Vielleicht ist alles, was (irgendwann) Wissenschaft werden kann, im Anfang erst mal immer (irgendwie) “Esoterik”… ?

Außerdem gibt es (auch in wissenschaftlichen Zirkeln) viele dokumentierte Vorfälle, die im geltenden wissenschaftlichen Paradigma nicht einfach wegzuerklären sind.

Beispiel Pauli-Effekt:
>> Der Pauli-Effekt bezeichnet das anekdotisch dokumentierte Phänomen, dass in Gegenwart des bedeutenden theoretischen Physikers Wolfgang Pauli ungewöhnlich häufig experimentelle Apparaturen versagten oder sogar spontan zu Bruch gingen.[…] Er ist nicht zu verwechseln mit dem Pauli-Prinzip.
[…]
Pauli selbst war von der objektiven Existenz des Effektes überzeugt und führte unter anderem einen echten Pauli-Effekt, einen ohne direktes Eingreifen oder äußerlich erkennbare Ursache erfolgten Schaden an seinem Auto, als Grund für den vorzeitigen Abbruch einer Ferienreise mit seiner zweiten Ehefrau 1934 an. <<
https://de.wikipedia.org/wiki/Pauli-Effekt

Wenn man gewisse augenfällige Muster und Phänomene im allgemein akzeptierten Weltbild nicht einfach schlüssig erklären kann, spricht man gerne vom “Zufall”, obwohl kaum jemand in der Lage ist hinlänglich zu erklären, was das Wort “Zufall” (in diesem Sinne) eigentlich bedeuten soll.
Oft wirkt der Hinweis auf den “Zufall” wie ein undurchsichtiges esoterisches Konzept, das (auch von Wissenschaftlern) gerne als Lückenfüller herangezogen wird, für Zusammenhänge, die sich unserer Einsicht, Erkenntnis und Kontrolle entziehen… (?)

Wenn wir beispielsweise medizinische Studien zum sogenannten “Placebo-/Nocebo-Effekt” oder psychosomatische Erkrankungen und (dokumentierte) Spontanheilungen betrachten, dann sehe ich definitiv genügend Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Glaube und Wirklichkeit, den man durchaus auch mit streng wissenschaftlichen Methoden näher untersuchen kann.

(Es gibt schließlich interessante Forschungsprojekte zu Beobachtungen, die nicht ohne weiteres in unser materielles, reduktionistisches Weltbild zu passen scheinen. Leute, wie Rupert Sheldrake und Dean Radin widmen sich der damit verbundenen Forschungsaufgabe definitiv mit einem wissenschaftlichen Anspruch.)

//
Max Planck: “Wege zur physikalischen Erkenntnis”, Verlag von S. Hirzel in Leipzig, 4. Auflage, 1944, S. 305;
Kapitel IV:
“Wenn also beide, Religion und Naturwissenschaft, zu ihrer Betätigung des Glaubens an Gott bedürfen, so steht Gott für die eine am Anfang, für die andere am Ende alles Denkens. Der einen bedeutet er das Fundament, der andern die Krone des Aufbaues jeglicher weltanschaulicher Betrachtung.
Diese Verschiedenheit entspricht der verschiedenen Rolle, welche Religion und Naturwissenschaft im menschlichen Leben spielen. Die Naturwissenschaft braucht der Mensch zum Erkennen, die Religion aber braucht er zum Handeln.” http://books.google.de/books?id=ygOcZcSxKAwC&pg=PA170

Vielleicht passt dieses Zitat auch im hier behandelten Zusammenhang ..?

there is nothing that I hate more than money.

I think there is nothing that I hate more than #money.
(… I hate what it makes people do and not do.)

Mammon and his slave/ Der Mammon und sein Sklave (Sascha Schneider, 1896)
Mammon and his slave/ Der Mammon und sein Sklave (Sascha Schneider, 1896)

Everything good and honest and helpful that people can do, they could do in relationships based on openness and solidarity, beyond manipulative market interests and economic considerations… (I believe that we could live and work together in a much healthier or in a much more sane and fun way, without being bribed and manipulated… without being forced to prostitute ourselves or exploit others… without having to legitimate our claims for support and inclusion to each other via rituals of price negotiation and payment…)
Our conditioning on rituals of pricing and payment distorts the integrity of our motives. This world is so sick and poisoned/ humanity is so damned corrupt, crazy and violent, because we are being conditioned to believe in money and market power.

It is disgusting.
But I believe that the #Internet has the potential to heal #humanity… in so far as we manage to prevent or supersede the influence of money.

Nörgelei und Beschwerden an Gott – Satanismus & Antitheismus als Religionskritik

Der Theologe Manuel Raabe hat eine Doktorarbeit über das Gottesbild von Rock-Bands geschrieben.

Über den Artikel/ die Sendung auf Deutschlandfunk bin ich neulich zufällig gestolpert:
http://www.deutschlandfunk.de/studie-der-satanismus-und-die-rockmusik.886.de.html?dram:article_id=361104

Dr. Raabe trifft in seiner Arbeit die Schlussfolgerung, dass man verschiedene populäre künstlerische Ausdrucksformen satanistischer Provokation als kritisches Nachdenken über die “Theodizee-Frage” erklären könnte. Das ist (für mich zumindest) eigentlich eine recht naheliegende oder triviale Einsicht. Diese Feststellung ist nicht so ungeheuer neu oder aufsehenerregend.

Wichtig zu erwähnen finde ich es, dass die Vorstellungen von Gott, die da poetisch/ musikalisch in Frage gestellt und kritisiert werden, doch eher oberflächlich und naiv wirken. Raabe bedauert in dem Deutschlandfunk-Interview, dass es auch theologisch weitaus interessantere, tiefer greifende Fragen und Gedanken gibt, die zumindest in der Rock-Musik kaum berührt werden. (Nicht, dass ich wüsste… In der Regel werden in Rock-Songs eher oberflächliche Beschwerden an ein naives Gottesbild kolportiert.)

Treffend finde ich die Beobachtung:
“Die Referenzsysteme drehen sich um.”
Der “Teufel” wird zum Rebellen gegen einen bösen/ faulen, nichtsnutzigen/ sadistischen/ oder nicht-existenten “Gott”.

“God was never on your side”
“God hates us all” 

“Gott” ist (demzufolge) böse und hasst die Menschen.
Der “Teufel” ist in Wahrheit der tugendhafte Retter/ Erlöser/ Befreier, der für die Freiheit und das Gute im Menschen kämpft & einsteht. Das kann man glauben, wenn man will. Aber das ist eben nur eine umgestülpte, verdrehte Geschichte, die wenig Rücksicht auf ursprünglich überlieferte Referenzen nimmt.
Eigentlich gibt es vielleicht sogar wenig einzuwenden, so eine umgestülpte poetische Metapher aufzubauen… Womöglich hat das so auch irgendwo seinen Sinn…

Psychologisch vermute ich hinter dem Phänomen “Satanismus” (im Grunde auch hinter vielen Formen des modernen Atheismus) im wesentlichen eine bittere Enttäuschung über Menschen (vor allem eben Vaterfiguren), die nicht da gewesen sind, als man sie gebraucht hätte… oder die sich absolut falsch (böse) verhalten haben. (Missbrauch, Gewalt, Zwang, Rücksichtslosigkeit, Vernachlässigung…)
Die psychologische Komponente hinter religiösen Weltbildern ist vielleicht sogar das, was in jedem Fall interessant ist. Nur im Kontext der seelischen Entwicklung des Menschen macht es wirklich Sinn, deren religiöse Ideen und Vorstellungen verstehen zu wollen.

Auf mich wirkt das allerdings doch ziemlich albern, Symbolsysteme pauschal auf den Kopf zu stellen, nur weil man sie (so, wie man sie vorgestellt bekommen oder aufgefasst hat) in keinen sinnvollen Bedeutungskontext zu setzen vermag.
Wenn ich also die Frage stellen möchte, ob “Gott” seinen Thron im “Himmel” verdient hat, dann stelle ich die selbe Frage doch mindestens genauso kritisch an den “Teufel”. Meinem Verständnis nach ist der “Satan” eben auch nicht zuletzt ein Symbol für seelische Korruption und (vor allem auch für) Machtkorruption.
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Besonders in Lukas, Kapitel 4 wird die Rolle des Teufels deutlich gemacht:

5 Da führte ihn der Teufel (auf einen Berg) hinauf und zeigte ihm in einem einzigen Augenblick alle Reiche der Erde.
6 Und er sagte zu ihm: All die Macht und Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben; denn sie sind mir überlassen und ich gebe sie, wem ich will.
7 Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören.

https://de.wikipedia.org/wiki/Versuchung_Jesu

(Den ursprünglichen, biblischen Erzählungen und Texten zufolge unterliegen die Machtstrukturen dieser Welt dem “Teufel”. Wer sich also über den Zustand unserer Welt empören möchte, der sollte sich besser bewusst machen, dass der “Satan” die verkrusteten und korrupten Strukturen dieser Welt repräsentiert. Dass sich Rock-Rebellen dem Satan anbiedern, wäre demnach auch irgendwie seltsam absurd. Gerade weil ich Vorbehalte gegen den Status Quo hege, fehlt mir die Sympathie für den Teufel. Eine Rebellion gegen den Status-Quo wäre konsequenterweise eine Rebellion gegen das “teuflische Prinzip” der Korruption und Prostitution, dem die aktuelle Weltordnung unterworfen ist. Das ist auch im Hinblick auf die Theodizee-Frage relevant. Beschwerden über das, was in der Welt schief läuft, wären somit an den “Fürst dieser Welt” zu richten.)

Siehe auch: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Devil_(Tarot_card)

Wenn der “Satan” auch in seiner Rolle als machtvoller “Versucher” zur Läuterung korrupter Seelen beiträgt, dann verstehe ich trotzdem nicht, warum ich den “Teufel” zur (besseren?) Gottheit erheben sollte.

“Gott” ist für mich zuallererst eine Projektionsfläche für alles, was ich in aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit für mich als tiefste, grundlegende Wahrheiten und Einsichten verstehe.
(Das ist nichts, was ich festlegen oder auflisten könnte… Es geht dabei um Ideen und Fragen, die ich selbst für mich zu ergründen habe und um Einsichten, denen ich mich immer wieder neu zu stellen habe… Der “Weg zu Gott” ist in diesem Sinne ein dynamischer, psychologischer Prozess der ständigen Selbstprüfung und Infragestellung von Ideen & Annahmen über Gott und die Welt…)

Der Teufel steht für mich dementsprechend als symbolische Referenz für all das, was mich unter Umständen daran hindert, mich meinen eigenen tiefsten ethischen Einsichten entsprechend zu verhalten. Der Teufel symbolisiert (für mich) also irritierende Aspekte meiner erlebten Wirklichkeit, die mich davon abbringen oder abhalten, jeweils das zu tun, was ich wirklich (gemäß bestem Wissen & Gewissen) tun möchte. In diesem Sinne ist der Teufel ein Symbol für alles, was meinen freien Willen beeinträchtigt.

Es ist aber nicht ganz so einfach…
Der “Satan” repräsentiert symbolisch eben auch einen der höchsten “Engel” (Vermittler) Gottes: Der “Licht-Träger”, “Luzifer”.
In verschiedenen kabbalistischen/ gnostischen/ esoterischen Symbol-, Glaubens- oder Auslegungssystemen wird der “Satan” mit einer schöpferischen Kraft und Energie in Verbindung gebracht. Wenn diese “luziferische” Energie sublimiert werden kann, dann wird dadurch kreatives Potential freigesetzt. Wenn nicht kann der Missbrauch dieser Energie zum “Fall” der Seele führen.

Hier ist eine Geschichte von Michael Ende, die mich zum Denken angeregt hat:

Michael Ende: Spiegel im Spiegel — Der Bordellpalast auf dem Berge

22:21 “… Ich träumte, dass Gott und der Teufel miteinander um mich kämpften… Es war ein sehenswertes Schauspiel. Sie kämpften die ganze Nacht und ich sah von meiner Loge aus zu…”

Soweit ich den tieferen Sinn dieser Erzählung richtig verstehe, kann nur “Gott” den Kampf gewinnen, weil der, der den Kampf gewinnt (in jedem Fall) Gott ist. (Und der Kampf um den Thron Gottes geht in diesem Sinne solange weiter, bis es nichts mehr an Gott auszusetzen gibt. Der Kampf ist sozusagen ein Sinnbild für theologische Zweifel und die Bereinigung inkonsistenter Vorstellungen über Gott.)
Wenn man die ursprünglichen Referenzsysteme auf den Kopf stellen möchte, dann dient eben der “Teufel” (zunächst) als Projektionsfläche für Ideale, Einsichten und Wahrheiten.
Vielleicht ändert das (unterm Strich) nicht viel… (?) Egal, welches Symbolsystem man aufbauen möchte, um Gott und die Welt verstehen, beschreiben und erklären zu können… Es ist sicherlich in jedem Fall wichtig, Inkonsistenzen und Widersprüche zu vermeiden und aufzulösen.

Diese (religiösen oder anti-religiösen) Referenzsysteme sind vielleicht überhaupt nur wie ein “Gerüst” zu verstehen, an dem man allmählich (im Laufe der charakterlichen/ seelischen/ spirituellen Entwicklung) hoch klettern kann…
Vielleicht ist es letztlich egal, ob man links oder rechts am “Gerüst” hochklettert…
Wichtig ist es aber wohl in jedem Fall, dass man oben und unten nicht verwechselt.
Und wenn man sich aus Trotz (oder aus Unbeholfenheit) in den Dreck fallen lässt, muss man eben ganz unten wieder mit dem Klettern anfangen…

Vielleicht ist das mit mythologischen. religiösen Referenzsystemen letztlich genauso,  wie mit der “Leiter”, von der Wittgenstein (in seinem “Tractatus”) gesprochen hat:

“6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.”

https://de.wikipedia.org/wiki/Wittgensteins_Leiter